Andacht zum Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020

Ihr Lieben, da draußen!

"Der alte Gott lebt noch!" Dieser Trost meiner Mutter aus Zeiten, in denen ich mich als junger Mensch vor die Herausforderungen des Lebens gestellt sah, kommt mir in diesen merk-würdigen Corona-Pandemie-Zeiten wieder in den Sinn. Die Ausmaße der Virus-Pandemie verunsichern mich und ich frage mich oft, was wohl werden wird.
"Der alte Gott lebt noch!", dieser Trost begleitet mich, gerade dann, wenn ich die neusten, düsteren Meldungen zur Entwicklung der Pandemie verfolge, höre und sehe, was auf dieser Welt und um mich herum mit anderen Menschen, ja mit mir selbst passiert.

Aus dem Trost "Der alte Gott lebt noch!" schöpfe ich tatsächlich Kraft, denn mit ihm keimt die Hoffnung in mir auf, dass nichts bleibt, wie es ist, mag es auch noch so schlimm sein. Und im Augenblick ist es schlimm. Menschen werden schwer krank, Menschen sterben durch das Virus.

"Der alte Gott lebt noch!", dieser Satz klingt für mich in diesen Tagen wie ein Weckruf aus grauer Vorzeit, wie ein Ruf am Ostermorgen, dass Gott unser Leben will und nicht unser Verderben.
Meine Mutter erzählte mir einmal, dass ihr ihre eigene Mutter diesen Trost mit durch ihr Leben gegeben habe und meine Großmutter ihn wiederum von meiner Urgroßmutter in schlimmen Zeiten mitgegeben bekommen habe. Mein Urgroßvater erschoß sich nämlich kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges im Garten aus Angst, zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Meine Urgroßmutter blieb mit fünf kleinen Mädchen und einer Metzgerei zurück. Von Heute auf Morgen stand sie vor dem Aus und hatte all die angstvollen Fragen ihrer noch kleinen Mädchen zu beantworten.

Meine eigene Mutter bekam das Trostwort "Der alte Gott lebt noch" zugesagt, da war sie gerade einmal sechs Jahre alt und saß zusammen mit ihrer Mutter und der Großmutter während eines Tieffliegeralarms nachts im Dunkeln im Luftschutzbunker. Meine Mutter erinnert sich, wie sie dort in der dunklen Erdaushöhlung unter dem Haus zusammenkauerten saßen und bibbernden Herzens um ihr Leben fürchteten. Sie erzählt, wie sie da miteinander biblische Geschichten geteilt hätten und ihr die Großmutter von der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel berichtet habe, die meine Urgroßmutter so gut auswendig kannte: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde...".

"Der alte Gott lebt noch!" Ja, er lebt. Es ist nicht alles aus. Das Leben geht weiter.
Darum mag ich mich in dieser für uns alle so beängstigenden und uns in unseren Freiheiten einschränkenden Zeit, in der wir auf so tragische Weise so viele Menschen an Covid-19 verlieren und betrauern müssen, dennoch nicht von dem Gedanken klein machen lassen, dass das Corona-Virus unser Leben und unsere Welt völlig beherrscht, auch wenn es im Augenblick und wohl auch auf längere Sicht traurigerweise de facto noch so sein wird.
Es ist an der Zeit, dass sich die Welt und wir umdenken lernen und umlenken müssen, die alten Pfade verlassen. Ob das gelingen wird? Ich habe Hoffnung.

An der Heliandkirche am Westenhellweg prangt ein großes Plakat. Darauf lese ich "Christians for future!". Diesem Aufruf schließe ich mich an, bei diesem Gedanken bin ich mit ganzem Herzen dabei. In der Auferstehung Jesu Christi beließ es Gott ja auch nicht beim Alten, sondern verwandelte den Tod ins Leben.
Vielleicht ist das ja jetzt unsere Aufgabe, die der Transformation, der Umwandlung, indem wir mehr auf das Leben achten lernen und weniger vom Konsum abhängen, mehr auf den Erhalt unserer Umwelt und den Artenfortbestand Wert legen, als nur auf unsere Bedürfnisse zu schauen, mehr aufeinander zu achten und für einander da zu sein, als nur auf sich selbst bezogen zu leben. Doch dazu braucht es mehr als alles Geld der Welt - es braucht dazu Glaube, Hoffnung, Liebe.

"Der alte Gott lebt noch!"

Mit diesem Trost und Hoffnung und Kraft und Zuversicht schenkendem Wort grüße ich Sie herzlich zum Sonntag Jubilate!

Ihre Konstanze Hentschel, Pfarrerin