Andacht zum Sonntag Palmarum, 5. April 2020

Stille – nicht nur in der Karwoche

Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die stille Woche. Und still ist es ja in diesen vergangenen Wochen schon in unserer Stadt, in unserem Land geworden. Die Städte vereinsamen nun auch auf den Straßen. Hier und da genießen einige die frische Luft. Aber sonst leben wir auf Abstand. Maßnahmen und Regeln sind in diesen Tagen in der Öffentlichkeit wichtig. Sie schützen einander und bewahren so vor einer weiteren Ausbreitung des Virus. Und doch bedeutet es für viele eine nicht selbst gewählte Einsamkeit. Alte und Junge, Großeltern und Enkel müssen voneinander fern bleiben. Kinder und Jugendliche, Freunde und Arbeitskollegen sehen sich nur ‚digital‘.
Bewegt hat mich die Gebetstunde verbunden mit dem Segen ‚urbi et orbi‘, die Papst Franziskus am 27. März abends allein auf dem menschenleeren Vorplatz des Petersdoms zelebriert hat. "In einer historisch beispiellosen Geste ruft das Kirchenoberhaupt die Mächte des Himmels gegen die Pandemie an. Und hält einer Gesellschaft den Spiegel vor, die vom Wahn besessen war, alles im Griff zu haben (dpa)." Was verbindet uns über Länder-, Kultur- und Konfessionsgrenzen hinweg in diesen Tagen? Es ist die Betroffenheit über das, was wir gerade erfahren. Für viele ist es ein existenzielles Leiden. Die Sorge um die Gesundheit oder das Gesundwerden, die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft bewegt viele. Uns verbindet aber auch die Hoffnung und die Erfahrung, dass Menschen gerade in diesen Zeiten einander wahrnehmen und Für-Sorge leben.

In diesen Zeiten, in denen so vieles Vertrautes und Gewohntes entfällt, ist es mir wichtig, daran zu erinnern, was uns als Christen verbindet und Kraft schenkt. Das Gebet ist ein Kraftquelle, die uns miteinander verbindet. Wer in der Nähe einer Kirche wohnt und das Glockengeläut hört, kann sich Zeit nehmen zum Gebet. Auch die nun beginnende Karwoche gibt meinem Leben und meinem Glauben Halt und Struktur. Mit dem Palmsonntag, dem Gründonnerstag und dem Karfreitag erinnern wir den Weg, den Jesus gegangen ist. Jesus ging diesen Weg zuletzt allein. Im Vertrauen zu Gott hat er die Kraft erfahren, die ihm dies möglich machte.

Nehmen wir uns gerade in dieser Woche die Zeit zur Stille, zum Gebet. Es kann das bekannteste Gebet, das Vater unser, sein. Es kann auch ein Liedtext sein, der uns die Worte gibt. Zum Beispiel aus dem Ev. Gesangbuch, Nr.: 655, 1+4:

1. Aus der Tiefe rufe ich zu dir: Herr, höre meine Klagen,
aus der Tiefe rufe ich zu dir: Herr, höre meine Fragen.

4. Aus der Tiefe rufe ich zu dir: nur dir will ich vertrauen,
aus der Tiefe rufe ich zu dir: auf dein Wort will ich bauen. 

Bleiben Sie von Gott behütet und gesegnet!

Ihre Heidi Bunse-Großmann, Pfarrerin